Talk mit Franz Müntefering

Talk mit Franz Müntefering

Gut gelaunt vor dem Talk im Kulturschloss Wandsbek

Eine ganz hervorragende Veranstaltung war das am 19. Mai mit Franz Münfering in Wandsbek. Ich hatte ins Kulturschloss Wandsbek geladen, um mit Franz und Horst Eppmann (Vorstand des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein) über den Demographischen Wandel und seine Folgen zu diskutieren. „Weniger – älter – bunter„, so das Motto, zu dem sich eine angeregte Diskussion entspannte. Dass das Thema topaktuell ist und den Bürgern „unter den Nägeln“ brennt, zeigte mir das proppevolle Kulturschloss Wandsbek.

„Deutschland schrumpft!“ – wer kennt nicht diese oder ähnliche Schlagzeilen aus der Presse! Doch scheinen die Konsequenzen und der daraus entstehende Handlungsdruck noch nicht in unserer Lebenswirklichkeit angekommen zu sein, geschweige denn in der Politik der Bundesregierung. Eine Gesellschaft, in der die Menschen länger leben und weniger Kinder bekommen, wird gänzlich neue Anforderungen an die technische, bauliche, verkehrliche und soziale Infrastruktur in unserem Land stellen. Was bedeutet das konkret für die Zukunft Deutschlands und Hamburgs?

Zu Beginn zeigte uns Horst Eppmann vom Statistikamt, dass es in der Metropolregion Hamburg bis 2025 große Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung geben wird: Während Hamburg selbst gegen den Bundestrend um 3,9% wachsen wird, stagnieren die meisten Kreise um Hamburg herum (z.B. Pinneberg, Segeberg, Stormarn, Herzogtum Lauenburg, SLüneburg, Rotenburg), während die anderen Kreise einen demographischen Bevölkerungsverlust von 9,4% verkraften müssen.

Aber auch Hamburg selbst wird ab 2030 massiv „weniger – älter – und bunter“: Im Vergleich zu heute werden die HamburgerInnen bis 2030 in den älteren Bevölkerungsgruppen stark zulegen. So steigt der Anteil der über 80jährigen um 42%, der Anteil der über 65jährigen um 25%. Dagegen wird die Altersgruppe der 25-45jährigen um 15% zurückgehen.

„Bunter“ wird es auf jeden Fall, so der Statistikchef Eppmann: Ist heute der Anteil der Hamburger mit Migrationshintergrund bei 28%, so liegt dieser bei den Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahre bereits bei 43% – Tendenz steigend. Das Statistikamt schätzt, dass bis 2020 – also in 9 Jahren – jeder Dritte Hamburger eine Zuwanderungsgeschichte in der Familie vorzuweisen hat.

Franz Müntefering machte dann in seinem Beitrag deutlich, wie vor dem Hintergrund dieser demographischen Zahlen Politik handeln muss. Franz Müntefering schaffte es im Handumdrehen, die Gäste im Kulturschloss für das Thema zu sensibilisieren und mit seiner phantastischen Rhetorik und politischen Erfahrung das große Ganze zu erklären: Was wird eigentlich die Rolle des Sozialstaates sein, der Sozialen Gesellschaft, der Familie, des Einzelnen? Was wird sich auf dem Arbeitsmarkt entwickeln? Welche Chancen auf gute Arbeit haben die Jungen, welche die Älteren? Wie lange leben die Menschen in ihren vertrauten Wohnungen, ob Eigentum oder Mietwohnung, ab wann leben sie in stationären Einrichtungen?

Eine Auswahl von Franz Münteferings Vorschlägen: Nicht jammern über die Kinder, die fehlen, sondern sich um die kümmern, die da sind. Familienförderung meint Kinderförderung und muss sich für diese positiv auswirken. Die kinderfreundliche Ausgestaltung der Einrichtungen für Kinder (Krippe, Kita, Schule) ist faktisch Familienförderung.

Die in den letzten Jahren gewachsenen Chancen Älterer am Arbeitsmarkt müssen weiter ausgebaut werden. Wir sind angewiesen auf ihr Wissen und Können und ihre Erfahrungen. Regelungen in Form von Altersteilzeit und Erwerbsminderungsrente u.a. haben sich bewährt und müssen weiterentwickelt werden.

Wohnungen sind –niedrigschwellig und flächendeckend- alten- und behindertengerecht auszubauen. Mit Beratung und Unterstützung der Bewohner. Damit die älter werdenden Menschen –wenn sie es wünschen und die allermeisten wünschen es- möglichst lange in ihren angestammten Wohnungen und Quartieren wohnen bleiben können. Auch neue Formen von Stadtteilhäusern können Wege zeigen. Sozialräumlichkeit entsteht nicht immer von allein. Sie muss als Aufgabe erkannt, gewollt und realisiert werden. Wohnen ist mehr als ein Dach überm Kopf. Stadt ist mehr als die Ansammlung vieler Wohnungen.

Münteferings Fazit konnten wohl alle Gäste im Kulturschloss Wandsbek am Ende zustimmen: Bitte kein Kohortendenken. Es gibt Generationen, ja. Aber die Fragen von Gerechtigkeit und Solidarität, von Teilnahme und Teilhabe, von Partizipation und Fortschritt klären sich nicht nur zwischen Generationen, sondern zwischen denen mit Chancen und denen ohne, ob jung oder alt, und zwischen denen die haben und denen die nicht haben. Die vernünftigen Jungen und die vernünftigen Alten müssen gemeinsam die vernünftigen Antworten suchen und durchsetzen und dazu das Vernünftige populär machen.

Wohl wahr!

Ich bedanke mich bei allen, die zum Gelingen dieser tollen Veranstaltung beigetragen haben, und mache gleich Werbung für die nächste hochkarätige Talk-Veranstaltung in Wandsbek:

Am 22. Juni kommt Peer Steinbrück nach Wandsbek! Finanzpolitik in Zeiten der Euro-Krise – unter diesem Motto diskutiere ich mit dem Bundesminister a.D. im Bürgersaal Wandsbek (Am Alten Posthaus 4). Sie sind herzlich eingeladen, ab 18:00 Uhr dabei zu sein (Einlass ab 17:30 Uhr). Ich freue mich auf Ihr Kommen!